Wildkräuter #1 – Die Brennnessel

„Hätte die Brennnessel keine Stacheln, wäre sie schon längst ausgerottet worden, so vielseitig sind ihre Tugenden!“
(Kräuterpfarrer Johann Künzle)

Sicherlich hast du schon einmal Bekanntschaft mit mir gemacht. Vielleicht hast du dich an mir verbrannt? Oder du hast achtsam meine Blätter gepflückt und die Brennhaare vorsichtig abgestreift, um Erdbeeren darin einzuwickeln und zu verspeisen? Ich bin eine vielseitige Wildpflanze und ich möchte dir gern mehr über mich erzählen.

Meine Geschichte

Schon seit ewigen Zeiten begleite ich euch Menschen. Ich wachse überall dort, wo der Boden aufgerissen wurde, Abfälle entsorgt werden, an Waldrändern, in Gräben und – wenn ihr mich lasst –  in euren Gärten. Mit meinen langen, kriechenden Wurzeln binde ich überschüssigen Stickstoff im Boden und wandle diesen in Eiweiß um. Der Boden wird geheilt und mit Humus angereichert und so vorbereitet für kommende Pflanzen-Generationen. Auch die Tiere lieben mich. Von der Schmetterlingslarve bis zur Kuh sind alle von meinen Nährstoffen und meinem guten Geschmack begeistert. Einige Schmetterlingsarten – Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs und Admiral können nur durch mich überleben.

Als Große Brennnessel (Urtica dioica) werde ich bis zu 150 cm hoch, meine kleine Schwester, die Kleine Brennnessel (Urtica urens) schafft 50 cm. An meinen Blütenständen erkennst du, ob ich eine weibliche oder männliche Pflanze bin. Sieh dir die Bilder an. Erkennst du den Unterschied?

Weibliche Blüte der Brennnessel

Weibliche Blüte der Brennnessel

Männliche und weibliche Blüte

Männliche und weibliche Blüte

Männliche Blüte der Brennnessel

Männliche Blüte der Brennnessel






















In früherer Zeit diente ich als Zauberpflanze und wurde zum Schutz von Gehöften eingesetzt. So schützte ich Mensch und Tier vor Dämonen, Blitz und Donner oder Missgunst und Neid. Aus mir wurde Nesselstoff und Papier hergestellt und Stoffe wurden in meinem Sud gefärbt. Für manch arme Leute diente ich als Nahrungsmittel und bewahrte sie so vor Hunger.

Damals wie heute bin ich eine der wichtigsten Heilpflanzen. Mit meinen Inhaltsstoffen wirke ich gegen Blutarmut und Eisenmangel, vitalisiere Leber, Galle, Bauchspeicheldrüse, Magen und Darm. Die Nieren werden bei der Ausscheidung unterstützt, Harnwegsinfektionen und Prostatabeschwerden wird vorgebeugt. Da ich Harnsäure ausleite, bin ich heilsam bei Gicht und Rheuma. Schlacken und Gifte treibe ich aus Muskeln, Gelenken und Blut. Ich vertreibe Müdigkeit und wirke blutreinigend bei Hautkrankheiten. Durch meine blutverdünnende Eigenschaft wirke ich entspannend auf die Blutgefäße und helfe, den Blutdruck zu senken. Meine Samen wirken Haarausfall entgegen und fördern die Fruchtbarkeit und Potenz. Bei stillenden Müttern regen sie den Milchfluss an. Eine Essenz aus meinen Wurzeln wirkt bei Prostatabeschwerden und als Haarwuchsmittel.

Auch im Garten kannst du mich vielseitig einsetzen. Lege noch nicht blühende Pflanzen als Mulch zwischen die Beete. So wirke ich als Abdeckung und Dünger für deine Pflanzen. Du kannst eine Jauche aus mir herstellen, die wachstumsfördernd und gegen Schädlingsbefall wirkt. Deine Zimmerpflanzen werden auch gestärkt, wenn du sie mit einem Sud gießt.

Warum ich brenne

Um mich vor Fressfeinden zu schützen, habe ich kleine, glasartige Härchen, die bei der kleinsten Berührung brechen und Histamin und Ameisensäure spritzen. Dadurch entstehen auf deiner Haut kleine Quaddeln und die Stelle brennt. Dieses unangenehme Brennen hat aber auch etwas Gutes, es fördert die Durchblutung. Den Spruch „Dann bekommst du wenigstens kein Rheuma“ hast du sicherlich schon einmal gehört, wenn du dich an mir verbrannt hast. Um dich nicht zu verbrennen, kannst du beim Pflücken Handschuhe tragen.

Jetzt möchtest du sicher wissen, wann du mich sammeln kannst. Meine ersten Triebe zeige ich bereits im März. Sie sind dann sehr zart und eignen sich gut für Salat, da sie noch nicht „brennen“. Triebspitzen kannst du bis zum Herbst immer wieder für Salat oder Tee ernten. Größere Pflanzen eignen sich gut für Saft oder zum Trocknen für den Tee im Winter. Für den Smoothie empfehle ich dir junge Triebe, da diese noch nicht zu faserig sind. Zum Trocknen schneidest du die Pflanzen über den Boden ab und hängst sie gebündelt, kopfüber an einem luftigen Ort auf. Anschließend streiftet du die Blätter ab und bewahrst sie in Stoff- oder Papiersäckchen auf. Die Samen lassen sich ab Juli ernten und in Glasgefäßen aufbewahren. Wurzeln erntest du vom Frühjahr bis zum Herbst und verwendest sie frisch oder getrocknet.

Da ich eine starke entgiftende, den Stoffwechsel anregende Wirkung habe, solltest du mich anfangs sparsam verwenden und die Menge schrittweise erhöhen. Damit du dich nicht verbrennst, kannst du mich in ein Küchentuch wickeln und mehrmals mit einem Nudelholz über mich rollen. Dadurch brechen meine Brennhaare und du kannst mich auch roh im Salat essen.

Wofür du mich verwenden kannst

  • In Salaten
  • In grünen Smoothies
  • In grünen Säften
  • Tee zur Unterstützung der Entgiftung
  • Als Presssaft für die Frühjahrskur
  • Als Haarspülung gegen Haarausfall
  • Als Bad zur Durchblutungsförderung

Was sind meine besten Eigenschaften? Ich bin …

  • … blutreinigend
  • … blutbildend
  • … Stoffwechsel anregend
  • … Blutdruck senkend
  • … Durchfall hemmend
  • … Schleim lösend
  • … Wasser treibend
  • … stärkend
  • … Cholesterin senkend

Was steckt alles in mir drin?

Mein hoher Chlorophyll- und Eisengehalt macht mich unerlässlich bei Blutarmut (Anämie). Ich diene als Einschläuserpflanze, indem ich deinem Körper die Eisenresorption erleichtere und die die eigene Eisenerzeugung anrege. Durch meinen hohen Gehalt an Mineralsalzen, wirke ich basisch und helfe deinem Körper überschüssige Säuren zu neutralisieren und auszuscheiden.

  • Chlorophyll
  • Kieselsäure
  • Magnesium
  • Eisen
  • Kalium
  • Silizium
  • Natrium
  • Folsäure
  • Vitamin A
  • Vitamine des B-Komplexes
  • Vitamin C

Rezepte in der Rohkostküche

Presssaft-Frühjahrskur

Hierfür verwendest du den frisch gepressten Saft aus der ganzen Pflanze. Am besten eignet sich dafür ein Entsafter mit geringer Umdrehungszahl*.

Du kannst mich aber auch im Mörser zerkleinern oder mixen und durch ein Tuch drücken. Den Saft verdünnst du am Besten mit Wasser oder Tee. Der Saft muss täglich frisch zubereitet werden, da er schnell oxidiert und nicht lagerfähig ist. Auch ist es wichtig, mit geringen Dosen zu beginnen, damit sich der Körper darauf einstellen kann und nicht mit Durchfall und Erbrechen reagiert. Die Kur geht über 27 Tage wie folgt:

  • 1. bis 3. Tag = 3 EL
  • 4. bis 6. Tag = 4 EL
  • 7. Tag = 5 EL
  • 8. und 9. Tag = 4 EL
  • 10. bis 12. Tag = 5 EL
  • 13. bis 15. Tag = 6 EL
  • 16. bis 18. Tag = 7 EL
  • 19. bis 21. Tag = 8 EL
  • 22. bis 24. Tag = 9 EL
  • 25. bis 27. Tag = 10 EL

Grüner Powersaft mit Brennnessel

  • 1/2 Gurke
  • 3-5 Stiele Brennnesseln
  • 1/2 Zitrone
  • 3-4 Stangen Sellerie

Alle Zutaten nacheinander im Entsafter entsaften, in ein Glas füllen und mit Pfeffer würzen.

Grüner Smoothie mit Brennnessel

  • 1-2 Hand voll Brennnessel
  • Obst der Saison (Apfel, Banane, Birne, Pfirsich, Beeren)
  • einige Minzeblätter
  • 300 ml Wasser

Alle Zutaten im Mixer zu einem Smoothie mixen in ein Glas füllen und genießen. Schmeckt sehr gut mit Erdbeeren.

Wildkräutersalat

  • 2 Hand voll Wildkräuter (Brennnesseln, Löwenzahn, Vogelmiere, Gundermann, wilde Rauke …)
  • 1 Salat
  • 1 Tomate
  • 1 Paprikaschote (gelb oder rot)
  • 2 Frühlingszwiebeln
  • 1 Avocado
  • Saft einer Zitrone
  • 1 Dattel oder etwas Agavendicksaft
  • Salz, Pfeffer

Den Salat kleinschneiden, die Kräuter ebenfalls kleinschneiden oder hacken. Die Frühlingszwiebeln in Ringe schneiden, eine halbe Avocado und die Tomate und Paprika in kleine Stücke schneiden. Alles miteinander vermischen. Für das Dressing die halbe Avocado mit Zitronensaft, Dattel oder Agavendicksaft und Salz und Pfeffer mixen und vorsichtig unter den Salat heben.

Rezepte für den Garten

Zum Mulchen nicht blühende Brennnesseln zwischen die Beetreihen legen und mit Grasschnitt abdecken. Das fördert die Humusbildung, und schützt den Boden vor Austrocknung.

Brennnessel-Jauche zur Düngung, Brennnessel-Brühe gegen Pflanzenschädlinge

Hierfür benötigst du einen Eimer mit Deckel und 1 kg kleingeschnittene Brennnesseln pro 10 l Wasser. Den Eimer verschließen und täglich umrühren. Durch die einsetzende Gärung schäumt die Flüssigkeit und riecht nach einigen Tagen etwas unangenehm. Als Bio-Pestizid die Brühe nach 2 Tagen 1:10 mit Wasser verdünnt zum Besprühen der Pflanzen verwenden, z.B. bei Befall mit Blattläusen. Nach 2 -3 Wochen, wenn kein Schaum mehr vorhanden ist, ist die Jauche fertig und du kannst sie wieder 1:10 mit Wasser verdünnen und deine Pflanzen damit gießen.

Konnte ich dich von meiner Kraft überzeugen? Dann probiere mich aus und berichte mir von deinen Erfahrungen.

2 Kommentare

  1. Danke liebe Brennnessel für deine ganz persönliche Vorstellung!
    Ein wirklich sehr gelungener Artikel, liebe Petra! Es hat richtig spaß gemacht hier zu lesen

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